Bahlsen Nachwuchsförderpreis 2010

Laudatio von Prof. Gunnar Spellmeyer
Preisverleihung am 18.03.2010 in Hannover

-es gilt das gesprochen Wort -

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
warum vergibt ein Traditions-Unternehmen in Familienbesitz wie Bahlsen in der heutigen Zeit einen Nachwuchs- förderpreis? Warum wird ein bundesweiter Wettbewerb für alle künstlerischen Sparten wie Grafik-Design, Industriedesign, Typo-

grafie, freie Kunst und Architektur zur Gestaltung einer Gebäckdose ausgeschrieben? Bahlsen knüpft damit an eine lange Tradition des Hauses an. Seit Gründungszeit ist das Unternehmen zum einen geprägt von Pioniergeist: Hermann Bahlsen bringt 1911 das Wort „Keks“ in den Duden, das erste Fließband in Europa läuft seit 1904 bei Bahlsen, die erste Leuchtreklame am Potsdamer Platz kommt von Bahlsen u.s.w

Darüber hinaus zeichnet das Unternehmen eine enge Zusammenarbeit mit Künstlern aus: Bereits seit 1900 gehört die Verbindung zu und der Austausch mit Künstlern und Kunsthandwerkern zur selbstverständlichen Unternehmensphilo- sophie. Seit dieser Zeit haben alle Gewerke und Sparten eine wichtige Rolle für Bahlsen gespielt – genannt seien hier nur Architekten, Bildhauer, Maler, Grafiker, Töpfer und Silberschmiede - unter diesen Künstlern viele Frauen.

An diese Tradition soll in der Gegenwart ange- knüpft werden. Künstlerisches Schaffen ist einem Prozess untergeordnet, der Dinge anstößt, Überliefertes anders sortiert, strukturiert und in einen neuen Gesamtzusammenhang stellt. Und der künstlerische Prozess enthält auch immer Elemente des Anarchischen, des Unvor- hergesehene und Ungeplanten.Genau darin liegt die Chance zum Innovationsschub – aus der künstlerischen Position heraus können Dinge völlig

neu betrachtet und gruppiert werden, Sichtweisen und Interpretationen verändern sich.

Sie selbst können sich heute Abend von diesen vielfältigen künstlerischen Prozessen ein Bild machen. Die Endprodukte der Finalisten zeigen ein weites Spektrum an verschiedenen Ideen und Herangehensweisen:

• Vorschläge für neue Verpackungen (Greta Hauer, Kunsthochschule in der Universität Kassel)
• Entwicklung neuer Dosenformate
(Nicole Schmiedel, HBK Braunschweig)
• den spielerischen Umgang mit Logo-Symbolen und Schriftzeichen (Philipp Hilfer, Folkwang Universität für Musik, Theater, Tanz, Gestaltung und Wissenschaft Essen; Claudia Bischoff, Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design Halle)

• eine zeichnerische und grafische Umsetzung der Kekse (Isabelle Banz, Universität der Künste Berlin; Sebastian Cremers, Hochschule für Gestaltung Karlsruhe)
• die Gestaltung neuer Bahlsen-Bücher (u.a. Martin Schmid, Universität der Künste Berlin)
• eine typografische Umsetzung
(Annika Riethmüller, Fachhochschule Potsdam)
• die illustrative Umsetzung ägyptischer und malerischer Motive (Friederike Bellmann,

Universität der Künste Berlin; Elsa Klever, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg)
• die Entdeckung der Welt des Genusses (Stefanie Heidecke, HBK Braunschweig) basierend auf den vier Grundformen Tropfen, Brezel, Kreis und Zuckerstange generierte Muster, die unendliche Formen erzeugen können (Josie Majetic, HfK Bremen)

• und Bahlsen-Kekse gepixelt und malerisch umgesetzt (Anna-Luise Tann-Rathsamhausen, Kunsthochschule in der Universität Kassel).

Dass so eine umfangreiche Ideensammlung zusammenkam, ist dem mit der Firma Bahlsen individuell entwickelten Auswahlverfahren zu verdanken. In der ersten Wettbewerbsphase war es für die Jury sowohl spannend als auch herausfordernd, mehr als 120 Arbeitsproben zu sichten und daraus die Teilnehmer für die zweite Wettbewerbsphase, die eigentliche Arbeitsphase für die Gestaltung der Gebäckdose, auszuwählen.

Das interne Briefing der 16 Finalisten im Hause Bahlsen fand seinen Höhepunkt im Besuch des Archivs, in dem direkt vor Ort historische Gestaltungsschätze, die sonst meist unter Verschluss stehen, unter die Lupe genommen werden konnten.

 

Die Benennung der drei Preisträger aus der Runde der Finalisten war für die Jury mit intensiven

Diskussionen verbunden, führte aber zu einer gemeinschaftlichen Auswahl von drei sehr unterschiedlichen und spannenden Entwürfen. Diese möchte ich Ihnen nicht länger vorenthalten:

Platz 3 belegt Markus Lefrançois – Märchenmotiv „Hänsel und Gretel“
Markus Lefrançois’ Wettbewerbsbeitrag überzeugte die Jury zweifach: Unter den illustrativen Entwürfen zur Schmuckdosengestaltung zeichnet sich diese Arbeit durch eine besondere Qualität in Stil und Duktus aus. Positiv bewertete die Jury insbesondere die Idee, mit dem allmählichen Öffnen der Dose immer wieder weitere Erlebnisse einer Geschichte zu offenbaren:

Die Banderole verdeckt zunächst noch Teile der gesamten Märchenkulisse und auch der Deckel verbirgt eine Motivleiste, die zur liebevollen Zier der Gebäcke in der geöffneten Dose gerät. Die Einbeziehung der Banderole zu einer mehrschichtigen Arbeit und die bewusste Beachtung des Öffnens steigern die hervorragende Zeichnung des Illustrators, der an der Kunsthochschule der Universität Kassel studiert hat.

Platz 2 belegt Anika Friedemann – „Keksblüten“ und „Blütenregen“
Ausgangspunkt und Endprodukt, so sieht es die an der Bauhaus Universität Weimar diplomierte Grafikerin Anika Friedemann, verbinden sich in diesem Entwurf ideal. Und auch die Jury zeigte sich überzeugt von den statischen und fließenden Rapports, die – akzentuiert durch größere Blumenmotive – die Gebäckdosen schmücken.
In ihrer Anlage beinah klassisch arrangiert,

offenbaren sich bei näherem Betrachten in den feinen Details Bezüge zum Haus Bahlsen wie auch zu seinen Keksformen. Mit dem zweiten Blick erkennt man die Blütendekore als geschickt aus Keksformen collagierte Blüten. Anika Friedemann ist es gelungen, durch Rotation und transparente Überlagerungen bekannter Keksformen neue grafische Figuren entstehen zu lassen. Sie öffnet so einen phantasievollen Blick beim Betrachter und beweist sensibles Gespür für die innewohnenden Qualitäten der Bahlsen-Gebäcke.

Platz 1 belegt Tobias Stuntebeck – „Zutat“ und „Facetten“
Beide Entwürfe von Tobias Stuntebeck überzeugten die Jury und lösten gleichzeitig Diskussionen ob der Machbarkeit aus. Sind die Entwürfe auf den ersten Blick auch unterschiedlich, so haben sie doch den gleichen überzeugenden Kern: die Visualisierung des Premium-Markenanspruchs durch Edelsteine.

So wie die besten Zutaten die Kekse von Bahlsen verfeinern, veredeln die Kristalle der Stuntebeck-Entwürfe die Gebäckdosen von Bahlsen: in Form von aufgesetzten funkelnden Kristallen oder als typografische Facetten. Premium-Gebäck durch Edelsteine symbolisiert: Edel, zeitlos und ein Hauch von Luxus. Der an der Fachhochschule Hannover diplomierte Produktdesigner Stuntebeck visualisierte seine Idee an sehr unterschiedlichen Arbeiten und überzeugte damit die Jury.